Einstein-Theater in Hochform

Auf Literaturkursniveau präsentiert der Diffkurs-9-Theater die Premiere von "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen in einer modernen Fassung nach Heinz Schnitzler.



Witzige und sozialkritische Einfälle machen diese Fassung des bekannten Märchens spielenswert. Den Bediensteten am Hofe - der Lehrerin (Sophie Klassen), Gärtnerin (Charlotte Westermann), Köchin (Lara Droste) und den Dienerinnen (Christine Brill, Katharina Schreiner) - werden ihre Gehälter nicht gezahlt. Stattdessen verteilen der Innenminister (Marie Heil) und der Außenminister (Wibke Cholewa) auf dem Marktplatz an die Protestierenden bunte Bildchen mit dem Konterfei des Kaisers "Nibelius Nobelius der Achtundsiebenzigste", der sehr überzeugend von Jonatan Büyükdag gespielt wird. Wenn er nicht auf der Bühne steht, zieht er sich gerade um. Allein die Einkleidung des Kaisers stellte eine Herausforderung dar. Die ursprünglich eingeplanten, kaiserlichen Kleidungsstücke landeten an den seitlichen weißen Schallwänden der Aula, um die Kleidung im wahrsten Sinne des Wortes mitspielen zu lassen. So unterstützte das witzige Bühnenbild die Kernaussagen des Märchens. Für diesen kleidungssüchtigen Kaiser genügend repräsentable Kleidungsstücke zu finden, war selbst in einem in 38 Jahren aufgebauten Kostümfundus nicht so leicht, ist jedoch außerordentlich gut gelungen. Angebliche Schneider behaupten, Kleider nähen zu können, welche für die Dummen und Faulen unsichtbar seien. Natürlich will der Kaiser herausfinden, wer in seinem Reich für sein Amt geeignet und klug sei. Außerdem will er die außergewöhnlichsten Kleider tragen. Die "falschen Schneider", gespielt von Katharina Heimann und Benjamin Gün überreden den Kaiser sogar, sein Volk zum Tragen von Sonnenbrillen zu verpflichten. Selbst der Hofschneider (Fabio Feldmann), die Hofdichterin (Charlotte Mielke) und die Hofmalerin (Annica Geldmacher) unterwerfen sich diesem Diktat. Angeblich werde die Schönheit des Kaisers in den neuen Kleidern sonst alle blenden. Woraufhin in "blindem" Gehorsam durch die Gegend gestolpert wird.
Mademoiselle Frechdachs, die ebenbürtige Gegenspielerin des Kaisers, wurde souverän von Elena Disselkamp verkörpert. Sie durfte als einzige Frau Hosen tragen, denn die hatte sie auch an. Nur Mlle. Frechdachs und die Kinder lassen sich nicht einschüchtern und sagen, was sie - nicht - sehen.
Nicht nur die Schauspieler erhielten viel Lob, auch die Tänze gefielen dem Publikum außerordentlich, besonders die Choreo zu Elvis Preslys "Blue suede shoes". Der Schuhtick des Kaiser wurde so karikiert und ein Gegenwartsbezug hergestellt. Die Choreografin Lisa Remmers überraschte die Schüler mit einem Theater-toi-toi-toi vor Beginn der Aufführung. Mit einem Schlüsselanhänger in Schuhform und einem persönlichen Wunsch für jeden Beteiligten konnte die Aufführung nur ein Highlight werden!
Die unverständlichen, mit tiefer Stimme vorgetragenen Kommentare des Zeremonienmeisters (Paco Garcia Sanchez) sorgten für viele Lacher, ebenso der Schluss des Stückes, denn der Autor verpasst dem Kaiser eine grüne Latzhose, die dieser 5 Jahre tragen muss, und alles Geld wird für das Wohl des Volkes verwendet.
Am Ende des Abends ist die Kursleiterin Christel Krüger stolz auf die Leistung des gesamten Teams. Eine Lehrerin, die stolz auf die Entwicklung und Präsentation ihrer SchülerInnen ist, die glücklich über die professionelle Regiearbeit und Choreoeinstudierung der Musicaldarstellerin Lisa Remmers ist, kann dem Folgetag mit einer Aufführung für Viertklässler der heimischen Grundschulen entspannt entgegensehen. Auch diese Aufführung verlief sehr erfolgreich, zum Teil mit noch gesteigerten Nuancen in der schauspielerischen Darstellung. Die Grundschüler und Fünftklässler folgten dem Stück gebannt. Sie waren besonders von den Tanzeinlagen fasziniert, vom Rock'n roll über Ballett zum Rap. In der Gegenwart angekommen zu sein und die Bedeutung des Märchens für uns heute deutlich zu machen, war der Theatergruppe ein besonderes Anliegen. Für die Präsentation von Bens "Kleider machen Leute" schafften sich die beiden Tänzerinnen Sophie Westermann und Lara Marie Ziegler Oberteile an, auf denen der Aufdruck "Queens" leuchtete. Der Rhythmus steckte die Schauspieler an, die sich im Hintergrund bewegten, während die eigenständig einstudierte Choreo die Stimmung im Publikum steigerte. Das Tüpfelchen auf dem i wäre ein Mitsingen des Publikums gewesen, was der im Flyer abgedruckte Text ermöglicht hätte. Die Botschaft "Hört auf, euch klein zu machen wegen Anziehsachen" ist jedenfalls angekommen, und einige werden sich wohl Gedanken machen: ausgehend vom Kleiderwahn des Kaisers über heutigen Markenkult, ausgehend vom Elend des Volkes über heutige Produktionspraktiken von Kleidung und dem Elend der Näherinnen in der Billigmassenproduktion zu einem bewussten Umgang mit Kleidung.
Der Premierenabend und die Schüleraufführung am Folgetag haben einfach Spaß gemacht. 
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